überlieferte Schriften

In den alten Schriften des Taijiquan liegen uns in kurzer und prägnanter Weise die Anweisungen und Lehren der Meister aus vergangenen Generationen vor. Sie hinterliessen uns ein großes Wissen, das man, will man Taijiquan meistern, studieren und umsetzen muss. Der Wert dieser Schriften liegt nicht im Lesen sondern im Umsetzen des Inhaltes. In den folgenden Texten sind Übungsanweisungen die nicht auf einen bestimmten Taijiquan Stil beschränkt sind. Die Prinzipien und Anforderungen sind allen Stilen gemein.

 

Shi San Shi Ge Jue - Das Lied der 13 Formen

"Niemals vernachlässige eine der 13 Formen. Die Quelle des Willens liegt im Kreuz. Gebe acht auf die kleinste Veränderung vom Vollen zum Leeren. Lass die Atmung und das Chi sinken und durchgehend durch den Körper fliessen. Die Ruhe schließt die Bewegung mit ein, die Bewegung die Ruhe. Es werden wunderliche Dinge geschehen wenn du deinen Opponenten triffst. Gebe Wille und Ziel in jede Bewegung. Wenn du jede Bewegung richtig ausführst, so sieht sie mühelos und leicht aus. Jeder Zeit gebe acht auf dein Kreuz. Mit leichtem und lockerem Bauch kann man die Atmung aktivieren. Wenn dein Kreuz gerade ist, wird dein Geist "Shen" bis zur Kopfdecke aufsteigen. Der Körper muss geschmeidig wie der einer Katze sein. Halte den Kopf so, als wäre er an einem Seidenfaden aufgehangen. Bleibe achtsam und erforsche die Aufgabe des Taijiquan. Steigen und Sinken, Öffnen und Schließen, lass der Natur ihren freien Lauf. Anfänger leiten sich von mündlicher Belehrung. Nacheinander kommt dann vollkommene Anwendung. Das Können wird für sich selber sorgen. Was ist das Hauptprinzip des Taijiquan? Verjüngung und Verlänerung des Lebens, jenseits der normalen Abläufe der Dinge. Und so ist es eine ewige Quelle. Jedes Wort dieses Liedes hat große Bedeutung. Wenn du ihm nicht aufmerksam folgst, verschwendest du nur deine Zeit."

 

Taijiquan Lun

In jeder Bewegung soll der Körper leicht und beweglich sein,als wären alle Körperteile auf einen Faden aufgereiht. Das Chi soll, wie ein Feuer, entfacht werden. Shen - der Geist soll im Inneren gesammelt sein. Lasse nicht zu, dass es eine Stelle gibt, die eine Unzulänglichkeit aufweist. Lasse nicht zu das es eine Stelle gibt die hervorgewölbt oder eingefallen ist. Körper und Geist dürfen keine Unterbrechung aufweisen. Die Energie wurzelt in den Füßen, fließt durch die Beine, wird von der Hüfte kontrolliert und wirkt durch die Finger. Von den Füßen zu den Beinen, von den Beinen zu den Hüften sollte sich alles als Einheit bewegen. Wenn beim Vorwärtsgehen und beim Zurückweichen alles ein Chi ist, dann kann man den richtigen Moment abpassen und in Vorteil kommen. Kann man das nicht, so ist der Fehler in den Hüften und Beinen zu suchen. Das zeigt sich bei Bewegungen nach oben und unten, vorwärts und rückwärts, links und rechts.Um es allgemein zu sagen: Alles hat mit innerer Aufmerksamkeit (Yi) zu tun, es gibt nichts Äußerliches dabei. Wo es oben gibt muss es auch unten geben. Wo es vorn gibt muss es auch hinten geben. Wo es links gibt muss es auch rechts geben. Falls die innere Aufmerksamkeit nach oben gerichtet ist, so muss sie gleichzeitig auch unten sein. Wenn jemand einen Baum entwurzeln möchte verhält es sich ähnlich, er wendet brechende Kraft an, um die Wurzel zu lockern. Dann kann er den Baum sicher und schnell entwurzeln. Leer und voll müssen klar unterschieden werden. Alles hat einen vollen und einen leeren Aspekt. Immer und überall erscheinen leer und voll. Das lange Boxen ist wie das Strömen einen großen Flusses, es fließt ohne Unterbrechung. Die 13 Formen sind: Anschwellen, Zurückrollen, Drängen, Stoßen, Entwurzeln / nach unten ziehen, Spalten, Ellbogenstoß, Schulterstoß. Sie entsprechen den 8 Trigrammen des Bagua aus dem I Ging. Vorwärtsschreiten, Zurückweichen, nach links sehen, nach rechts blicken, Gleichgewicht in der Mitte entsprechen den 5 Wandlungsphasen.

 

10 Übungsprinzipien

1. Den Kopf gerade aufrichten

Der Kopf sollte natürlich und aufrecht gehalten werden, so das Bewusstsein und Energie den Scheitelpunkt durchdringen. Die Nackenmuskulatur ist dabei entspannt. Bei einer verspannten Nackenmuskulatur kann das Chi aus dem unteren Rücken nicht die Wirbelsäule zum Kopf aufsteigen und stagniert. Der Mund ist beim Üben geschlossen und die Zunge liegt hinter den oberen Schneidezähnen.

2. Ruhe in der Bewegung

Ruhe und Gelassenheit sollten eine Grundeinstellung beim Taijiquan sein. Dieses Prinzip lässt Taijiquan zu einer Bewegungsmeditation werden. Durch Langsamkeit beruhigen sich Körper und Geist, die Atmung wird lang und tief und das Chi wird nicht erschöpft. Die Körperfunktionen regulieren sich und der Kreislauf wird nicht belastet. Man sollte achtsam und sorgfältig darum bemüht sein, dann wird man die Bedeutung hinter diesen Worten verstehen.

3. Die Schultern; Ellbogen und Handgelenke senken.

Sind diese drei völlig entspannt kann das Chi bis in die Fingerspitzen fließen. Die Schultern sollten entspannt und durchlässig sein. Zieht man die Ellbogen nach oben dann können die Schultern nicht sinken, das Chi wird folgen, den Körper fehlt es an Kraft und der Energiefluss ist unterbrochen.

4. Die Brust senken – Den Rücken dehnen

Mit „Die Brust senken (han xiong)“ ist gemeint, dass man die Brust leicht nach innen zieht und entspannt, dadurch entspannt sich die Zwerchfellmuskulatur. Die Lungenkapazität kann so voll ausgeschöpft werden und das Atemvolumen vergrößert sich. Hebt man die Brust, dann blockiert man den Chi Fluss im Oberkörper und er wird schwer. Der Unterkörper wird dadurch leicht und man verliert seine Zentriertheit. Es kommt auch vor das man die Hacken anhebt oder ständig aus dem Gleichgewicht kommt.

Mit „den Rücken dehnen (ba bei)“ ist gemeint, dass die Schultern entspannt sind und nach vorn gezogen werden. Dadurch entsteht im Schultergürtel eine Rundung und Dehnung und unter den Achseln entsteht ein Freiraum. Durch diesen Freiraum werden Chi und Blutfluss nicht blockiert und können frei fließen. Befolgt man diese Anweisungen, wird das Chi sinken und sich im Dantian sammeln, und so wird der Körper voller Energie sein.

5.Das Kreuz und die Taille entspannen

Das Becken wird leicht nach vorn gekippt, so dass das Steißbein nach unten sinkt und alle Wirbel natürlich ausgerichtet werden. Bai Hui, die höchste Stelle am Kopf, und Hui Yin auf dem Damm zwischen den Beinen, liegen auf einer Senkrechten.

Ober- und Unterkörper sind so energetisch verbunden und können sich harmonisch und abgestimmt bewegen. Die Beine haben Kraft und man hat eine stabile Basis. Eine entspannte Taille ist Herrscher über die Bewegungen des Körpers. Der Wechsel von Voll und Leer in den Bewegungen geht immer von der Taille aus. In alten Schriften heißt es: „Wann immer es der Form an Kraft fehlt, muss man den Grund dafür in der Taille suchen.“ (die Tailleregion ist nach chinesischer Vorstellung mehr der Lendenwirbelbereich als ein gürtelähnlicher Bereich um den Körper)

6. Leere und Fülle unterscheiden

Gemeint ist das be- und entlasten der Beine. Man sollte stets auf diesen harmonischen Wechsel achten und Yin und Yang während der Bewegungen trennen. Hier wird das Taiji Prinzip des Yin und Yang in der Bewegung sichtbar. Nur wenn man voll und leer unterscheidet kann man sich fließend und ohne Anstrengung bewegen.

7. Inneres und Äußeres verbinden

Die Bewegungen werden bewusst durch den Geist gelenkt. Das Bewusstsein ist ganz bei der Ausführung der Bewegungen und Ablenkungen sollen vermieden werden. Ist man in der Lage Körper und Geist zu verbinden geht das ganze Sein in der Bewegung auf und man ist der Verbindung mit dem Dao näher gekommen.

8. Kraft des Geistes statt Körperkraft

Die Intention lenkt die Bewegung. Auf keinen Fall darf man Muskelkraft aufwenden. Muskelkraft wird im Taijiquan als grobe, unbeholfene Kraft bezeichnet. Jede Bewegung wird durch Yi (Intention) geführt, Blut und Chi Fluss sind kontinuierlich und nicht blockiert. Das setzt natürlich auch einen klaren Geist voraus. Übt man aber auf die geforderte Weise, wird sich ein ungeheures Potenzial an innerer Kraft entwickeln und im Körper sammeln.

9. Unten und oben des Körpers koordinieren

"Es wurzelt in den Füssen, wird ausgesendet von den Beinen, gesteuert von der Taille und zeigt sich in Händen und Fingern", heißt es in den Schriften. Ober- und Unterkörper müssen auf harmonische Weise miteinander verbunden werden, und sich im gleich bleibenden Tempo bewegen. Die Beine dürfen nicht schneller sein wie die Hände. Jeder Teil muss sich mit dem Rest des Körpers in vollkommenem Einklang bewegen. Be- und entlasten der Beine muss sich mit dem Öffnen und Schließen der Arme koordinieren.

10. Bewegung ohne Anfang und Ende

Die Bewegungen des Taijiquan gleichen einem unaufhörlichen Kreisen in Spiralen, wie alles im Universum. Wenn der Fluss abreißt, erschöpft sich die Kraft. Die Energie zirkuliert ohne Grenzen, unaufhörlich fließend wie ein Fluss. Es ist wie das abrollen eines Seidenfadens. Zieht man zu schnell, zerreißt er, zieht man zu langsam verklebt er. Ununterbrochene Kontinuität ist das Ziel.

 

Liu He (6 Harmonien) im Taijiquan

Die Idee der 6 Harmonien entspringt eigentlich dem Xingyiquan, einer weiteren inneren Kampfkunst, aber irgendwann hat dieses Konzept auch in den anderen Neijia Schulen (Schulen der inneren Künste) Einzug erhalten. Die 6 Harmonien sind wesentlich für die Wirkung der Bewegungen der Form. Durch rechtes Üben wird man den Wert dieser Bewegungskonzepte verstehen und tiefe Harmonie auf körperlicher und geistiger Ebene erreichen.

Wai San He - 3 aüßere Harmonien

Die Hände harmonieren mit den Füßen.

Die Schultern harmonieren mit den Hüften

Die Ellbogen harmonieren mit den Knien

 

Nei San He - 3 innere Harmonien

Das Herz harmoniert mit dem Geist.

Der Geist harmoniert mit der inneren Energie.

Die innere Energie harmoniert mit der Kraft.

 

1. Hände und Füße
Hände und Füße sollten wie Wurzel und Blatt eines Baumes, miteinander verbunden sein, oder - wie es in den Klassikern beschrieben wird - der Körper ist wie eine Kettenreihe, in welcher alle Perlen aneinandergereiht miteinander verbunden sind. Die Füße mögen hier die erste, die Hände die letzte Perle in der Reihe sein. Ein anderes Bild mag ein Billardstock sein: das, was am unteren Ende stattfindet, hat essentielle Bedeutung für alles, was an der Spitze passiert - und umgekehrt.

2. Schultern und Hüftgelenke
Ihre Position zueinander und ihr Zusammenwirken haben entscheidenden Einfluß auf jede Technik. Bewegen sie sich synchron, so stabilisieren sie sie, geben ihr innere Kraft, lösen sie sich so löst sich zugleich die innere Verbindung zwischen Händen und Füßen.

3. Ellbogen und Knie
Sie sind zum einen ebenso Mittler wie Schultern und Hüfte, weiterhin aber auch stehen sie in Relation bezüglich des Bewegungsradius.

4. hsin (Herz) und yi
Die inneren Prinzipien sind nicht ganz so leicht zu verstehen, da sie nicht so leicht physikalisch erfahrbar sind. Der Sitz des Geistes (shen) ist im Herzen (und im Chinesischen ist nicht allein das organische Herz gemeint). Ist das Herz in Ruhe, klar und vital, so vermag das yi kontrolliert und zielgerichtet in die entsprechenden Regionen des Körpers ausgesandt werden. Ist das Herz mit anderen Sachen beschäftigt, verwirrt oder schwach, so gleicht das yi einer umherirrenden Fliege, bald ist es hier, bald ist es dort.

5. yi und qi
Beide sind eng miteinander verbunden. Um ein meinen Lesern vertrautes Bild zu benutzen: Das qi ist der Reiter und das Blut ist das Pferd. Das yi ist ein kleines Männchen mit einer leuchtend gelben Fahne, welches vorauseilt. Das qi reitet überall dorthin, wo das Männchen mit der Fahne winkt. Ist kein Fahnenmännchen unterwegs glaubt das qi, es habe frei, lungert herum oder schnarcht vor sich hin. Auf Techniken bezogen bedeutet dies: Geht meine Aufmerksamkeit nur bis zum Unterarm, so wird mein qi auch nur bis zum Unterarm traben. Dessen Bedeutung finden wir in der sechsten Harmonie:

6. qi und Kraft
Mit Kraft ist hier das jin gemeint, die innere Energie. Um den Unterschied zwischen jin und qi zu verdeutlichen: Als Bild nehme ich hier das Meer und die Welle. Das Meer ist das qi und das jin die Welle. Die Welle ist eine Manifestation des Meerwassers, ein spezifischer Ausdruck seiner Kraft. Geht meine Aufmerksamkeit nur bis zum Unterarm, so geht auch das qi nur bis hierher und die Kraft, das jin, kann sich nicht in der Hand oder in den Fingern entfalten.